Mittwoch, 25. Januar 2012

Ich ziehe mal wieder um: Nachdem ich meinen Flug nach Deutschland verfallen lassen und beschlossen habe, länger in Buenos Aires zu bleiben, verdient mein Aufenthalt hier einen eigenen Blog. Der ist zu finden unter http://mareike-in-buenos-aires.blogspot.com. Der Vollständigkeit halber habe ich dort auch die Buenos-Aires-Berichte aus diesem Blog eingestellt.

Dienstag, 17. Januar 2012

Von den Freuden des Tangos

Beide im letzten Bericht angeschnittenen Themen – Tango und argentinische Männer – verdienen einen eigenen Eintrag. Da ich meine Leser kenne und weiß, was sie am meisten interessiert, beginne ich mit dem Tango.

Seit zwei Wochen verbringe ich meine Abende in Milongas. Milongas sind Tanzschule, Bar, Restaurant und Nachtclub in einem. In konservativen Milongas wird ausschließlich Tango getanzt, andere spielen zwischendurch auch Salsa, Rock oder Folkloremusik. Damit eine Milonga sich Milonga nennen darf, muss sie aber in einer Nacht ein Minimum von 70 Prozent an Tango spielen, das hat die Regierung festgelegt, nachdem es Beschwerden von Touristen gab darüber, dass sie nicht genug zum Tangotanzen kamen. Der Staat hat guten Grund, solche Beschwerden ernst zu nehmen: Der Tango ist eine regelrechte Industrie, viele Touristen kommen allein dafür nach Buenos Aires. Es gibt hier sogar einen festen Begriff für sie: Man nennt sie turistas tangueros, „Tango-Touristen“.

Mit ein paar Wochen Verzögerung bin ich also zu einem von ihnen mutiert. Dabei kann ich nicht einmal behaupten, dass mir das Tangotanzen zu diesem Zeitpunkt besonders viel Spaß macht. Tango ist nicht wie Salsa, wo es reicht, den (simplen) Grundschritt und ein paar einfache Drehungen zu beherrschen, um ohne weitere Komplikationen die ganze Nacht durchzutanzen. Tango ist komplex und voller Feinheiten, in anderen Worten: richtige Arbeit. Am Anfang bestehen die Kurse vor allem aus hilflosem Gestolper, Geschiebe, Diskussionen zwischen Tanzpartnern und gelegentlichen Ausbrüchen der Frustration. Und was "Anfang“ heißt, ist relativ: Ich habe mit Mädchen gesprochen, die sich erst nach einem halben Jahr von Kursen wohl genug gefühlt haben, um abends in der Milonga zu tanzen. Männer brauchen noch wesentlich länger, um anständig gute Tänzer zu werden, weil ihre Aufgabe schwieriger ist; sie müssen ja nicht nur die eigenen Schritte verinnerlichen, sondern auch dem Mädchen die richtigen Signale geben und nebenbei aufpassen, nicht mit anderen Paaren zu kollidieren - in den dicht gefüllten Milongas in Buenos Aires eine heikle Aufgabe.

Ich habe beschlossen, nicht so lange zu warten, sondern jede Gelegenheit zur Übung auszunutzen – um den Preis, dass ich mich lächerlich mache. Sobald ich den Grundschritt solide beherrscht habe, bin ich abends zum freien Tanzen in Milongas gegangen und konsequent bis zum bitteren Ende geblieben, was hier in der Regel vier oder fünf Uhr morgens heißt, auch unter der Woche. Ich falle gleich doppelt auf: Nicht nur bin ich grundsätzlich die Schlechteste auf der Tanzfläche, sondern auch noch inadäquat ausgerüstet: Während viele Frauen Abendkleider und hochhackige Tanzschuhe tragen, tauche ich in alten Sandalen und billigen Sommerkleidern auf. In Deutschland würde ich unter diesen Voraussetzungen einen langen traurigen Abend allein am Rande der Tanzfläche verbringen. (Das ist nicht hypothetisch gesprochen: Tatsächlich habe ich in Deutschland viele solcher Abende in Tanzschulen verbracht!) In Buenos Aires hingegen komme ich kaum zum Sitzen. Dass ich steif und tollpatschig bin, scheint hier niemanden zu stören. Die meisten meiner Tanzpartner, die ich warne, dass ich Anfängerin bin, lachen bloß und erwidern, „ganz ruhig, entspann dich einfach“. Sie geben mir hilfreiche Tipps, bringen mir neue Schritte bei und zeigen eine Engelsgeduld, wenn ich mal wieder ein Signal verpasse oder auf ihren Füßen lande. Einer sagte kürzlich zu mir, als ich mich zum wiederholten Mal entschuldigte: „Keine Sorge, alles, was ich will, ist, dass du dich wohl fühlst.“ Wenn doch mal etwas klappt, loben sie mich über die Maßen: „Sehr gut“, „exzellent“, „spektakulär“! Es ist mir egal, ob sie es meinen oder nicht - wenn ich mich mit den anderen anwesenden Mädchen vergleiche, vermute ich: eher nicht -, der offensichtlich Versuch, mir Mut zu machen, rührt mich.

Natürlich gibt es auch hier schlechte Tänzer – und damit meine ich nicht solche, die die Schritte nicht beherrschen, sondern solche, die arrogant und verbissen sind, ungeduldig werden, wenn ich ihre Signale nicht verstehe, und sich schlichtweg zu gut fühlen, um mit Anfängern zu tanzen. Anders, als ich es aus den deutschen Tanzschulen meiner Teenagerzeit kenne (ich habe wirklich gelitten), sind diese Exemplare hier aber weit in der Minderheit, und es ist nicht schwer, ihnen auszuweichen.

In einer Hinsicht gilt bei mir für das Tangotanzen ähnliches wie fürs Reisen, akademische Konferenzen: Ein großer Teil des Spaßes rührt von den Menschen, die man dort trifft. Weil ich allein zu den Kursen und Milongas gehe, habe ich schon einige interessante Bekanntschaften gemacht. Mein Lieblingstanzpartner ist ein kleiner Argentinier mit Mantafahrerfrisur (ist das noch ein gängiger Begriff? Ich weiß leider keinen besseren) namens Gustavo, der nicht nur fantastisch tanzt – was sich daran zeigt, dass er mir das Gefühl gibt, dass ich fantastisch tanze –, sondern nebenbei auch noch Meister in irgendeiner asiatischen Kampfsportart mit unaussprechlichem Namen ist und dafür ständig von Turnier zu Turnier durch die ganze Welt gondelt. Zum Tango fährt er mit einem aufgeputzten Motorrad. Ich war halbwegs überrascht zu erfahren, dass er Biochemie studiert hat und als Pharmazeut arbeitet.

Ich lerne außerdem ein englisch-neuseeländisches Pärchen kennen, das ich von da an fast jeden Tag in verschiedenen Kursen wiedertreffe und mit dem ich mich über die Zeit anfreunde, und einen kubanischen Salsalehrer, mit dem ich mich auf Hebräisch unterhalten kann, weil er Sprachkurse belegt, um die Thora im Original zu lesen und eines Tages nach Israel zu reisen, wo er die Ursprünge seines christlichen Glaubens erkunden will. Zusammen mit ihm lerne ich Jarek kennen. Jarek kommt aus Tschechien, lebt seit vielen Jahren in den USA, hat sich aber einen deutlichen Akzent erhalten. Er ist klein, hat strahlend blaue Augen und ist mindestens siebzig. Seit elf Jahren reist er jeden Winter nach Buenos Aires zum Tangotanzen. Er kennt alle Milongas und Tanzschuhgeschäfte der Stadt und erkennt gelegentlich Leute auf der Tanzfläche aus vergangenen Jahren wieder. Jeden Abend geht er Tangotanzen. Seine Kondition ist sagenhaft. Wenn wir tanzen, muss ich ihn gelegentlich um eine Pause bitten, weil mir Füße oder Rücken wehtun,und nachdem wir vielleicht zehn Minuten sitzen, springt er schon wieder auf und fragt voller Enthusiasmus in seinem leicht holprigen Akzent: „Would you like to dance?!“ Neben dem Tango hat er weitere interessante Hobbies, darunter Langlauf und Fahrradfahren. „Letztes Jahr war ein schlechtes Jahr“, erzählte er mir einmal mit Bezug auf letzteres, „da habe ich nur 5000 Kilometer geschafft. Im Jahr davor waren es 8000!“ Er tanzt außerdem Swing, Rock, Salsa und alle weiteren Tänze, die jemals in irgendeiner Milonga gespielt wurden, in der wir waren. Einmal habe ich ihn gefragt, welchen Tanz er nicht kenne. Daraufhin musste er erst mal eine Weile überlegen, bis er schließlich antwortete: „Es gibt so ein paar griechische Tänze, Folklorezeug, das habe ich noch nicht probiert.“ Wir kommunizieren über SMS: Meistens fragt er gegen drei Uhr morgens, wenn seine Milonga schließt, wo ich bin, und siedelt dann zu mir über. Nachdem auch die letzte Milonga um vier, fünf Uhr morgens geschlossen hat, geht er nicht etwa sofort ins Bett, wie er mir versichert: „Dann muss ich erst mal Facebook checken.“

Gestern ist Jarek abgereist, zurück nach New York, wo er seine eigene Milonga führt. Allein bleibe ich deshalb nicht: Gerade gestern Abend habe ich im Tanzkurz eine muntere Mädchentruppe kennengelernt, bestehend aus einer schüchternen Brasilianerin, die zum Spanischlernen in Argentinien ist, einer älteren Iranerin, die in Kalifornien lebt und an den Spezialeffekten für „Star Wars“ mitgearbeitet hat, sich nun aber in den Tango verliebt hat und in Buenos Aires bleiben will, und einer australischen Modedesignerin, die seit zwei Jahren mit dem Fahrrad um die Welt fährt. Wir hatten soviel Spaß zusammen, dass wir uns für heute Abend gleich wieder verabredet haben – selbstverständlich zum Tangotanzen!


Meine multinationale Tangocrew vom Montag


Samstag, 14. Januar 2012

Ein paar Eindrücke

Der nächste Eintrag ist in Arbeit, wird aber nicht vor Montag fertig. Für die Zwischenzeit gibt's ein bisschen was zum Anschauen.


Blick auf ein Stückchen Buenos Aires von einer Wohnung im 13. Stock (leider nicht meiner)



La Boca, das Hafenviertel der italienischen Immigranten





... und eines der "Tangoviertel" der Stadt. Hier gibt es sogar ein Adjektiv dafür: Man nennt es ein "barrio tanguero". Eine kleine Show für die zahlreichen Touris.



So lassen sich die Reichen und Wichtigen in Buenos Aires begraben: Der Cementerio Recoleta. Hier liegen ehemalige Staatschefs, Schriftsteller, Kriegsherren ebenso wie Menschen mit viel Geld und wenig Geschmack.





Große Fotografenkunst, wie man es von mir gewohnt ist... aber das Motiv war es wert! Schreine wie diesen kann man nur mit Schlüssel betreten. Um dann - was zu tun? Ungestört ein kleines Zwiegespräch mit dem Verstorbenen halten?



Einer der Gründe, warum Buenos Aires so dreckig ist: Der Hausmüll wird direkt vom Bürgersteig aus abgeholt. Es sei denn, der Wind ist schneller!!




Meine Wohnung. Der Flur wurde offensichtlich nachträglich ans Gebäude angebaut. Das Wohnzimmer hat deshalb Fenster.




Silvester mit Mitbewohner und Abendessen, improvisiert - wie so vieles hier!


Dienstag, 10. Januar 2012

Buenos Aires I (22.12. - ?)

Keine Frage: 20 Stunden Busfahrt sind kein Spaß. Aber die Busse in Argentinien machen die lange Reise immerhin so angenehm, wie es denn möglich ist. Auf die Gefahr hin, dass das hier wie eine Werbekampagne für argentinische Buslinien klingt Die Sitze sind breit, dick gepolstert, die Lehnen lassen sich weit zurückstellen, und vom Vordersitz lässt sich eine Fußstütze ausklappen, so dass man einigermaßen bequem liegen kann. Freundliches Buspersonal serviert morgens und nachmittags Kaffee und Kekse und abends eine großzügige warme Mahlzeit - mit Rotwein, wenn man will. Dazu gibt es allerlei Unterhaltungsangebote: Auf meiner Fahrt nach Buenos Aires etwa werden an alle Fahrgäste Bingo-Lose verteilt, und dann ruft der Fahrer über Lautsprecher die Zahlen durch, die wir durchzustreichen haben. Und weil wir in Argentinien sind – adios, chilenische Schüchternheit – macht er aus jeder neuen Zahl ein ordentliches Spektakel: „Achtung, achtung, Jungs! Die nächste Zahl! Seid ihr bereit? Hört ihr zu? Was haben wir da... diiiiiiiie – Achtung, achtung – Achtzeeeeeehn!!!“ Die Fahrgäste ihrerseits beteiligen sich sehr aktiv an dem Spiel, machen Witze und Zwischenrufe, so dass sich ab und zu eine kurze scherzhafte Unterhaltung zwischen ihnen und dem Fahrer entwickelt. Der Gewinner bekommt eine Flasche Weißwein. Abends werden Spielfilme gezeigt, drei nacheinander, bis nach Mitternacht. Hier geht man nun mal nicht früh schlafen –
selbst dann nicht, wenn einem so wenig alternative Aktivitäten offen stehen wie auf einer 20-Stunden-Busfahrt!

Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen erreichen wir Buenos Aires. Das erste, was mir auffällt: Es ist heiß hier, heißer als in Patagonien und in Santiago, und: Es ist lauter. Der Verkehr ist dicht und aggressiv, Autos hupen, getunte Motorräder dröhnen dazwischen. Auch in Santiago waren die Straßen voll, aber so was habe ich dort nie erlebt: Es passt nicht zum chilenischen Temperament.

Vom Bahnhof aus nehme ich ein Taxi zu meiner neuen vorübergehenden Wohnung. Auf eine Anzeige im Internet hatte ich etliche Angebote bekommen, und anfangs hatte ich geplant, mir für den ersten Tag ein Hostel zu nehmen und von dort aus die Wohnungen anzuschauen. Aber bei meiner Ankunft in Buenos Aires ändere ich den Plan spontan: Ich bin müde und zerknautscht von der Busfahrt, die Stadt ist riesig - es würde viel Zeit und Nerven kosten, von Wohnung von Wohnung zu fahren -, und schließlich brauche ich für ein paar Wochen keinen Palast. Ich rufe also den Argentinier an, der in seinen Emails am sympathischsten geklungen hatte, lasse mir die Adresse geben und fahre direkt dorthin.

Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt: Die Wohnung ist einfach, aber sauber, und das Viertel – Almagro -, ist, trotz seiner zentralen Lage, ruhig, sicher und wenig touristisch, was mir gefällt. Mein neuer Mitbewohner ist ein kleiner, bärtiger Argentinier mit Kugelbauch und allerlei Tattoos, der sich Chucho nennt. Er ist 32, hat irgendwann mal eine Weile Soziologie studiert und arbeitet jetzt als Rezeptionist in einem kleinen Hostel. Er ist freundlich, entspannt und großzügig und führt einen ähnlichen Lebensstil wie ich – in anderen Worten: Er geht jeden Abend aus –, was bemerkenswert ist, angesichts der Tatsache, dass er Vollzeit arbeitet und ich im Urlaub hier bin. Für meine Zeit in Buenos Aires ist er der perfekte Mitbewohner.

Es wird oft behauptet, Buenos Aires sei die europäischste Stadt Lateinamerikas. Ich kenne daneben nur Santiago, kann das also schwer bestätigen. Sicher ist jedenfalls: Es gibt Ecken, die architektonisch an Paris erinnern, und die großen Einkaufsstraßen ebenso wie das feine Ausgehviertel Palermo könnten ohne weiteres auch in Hamburg oder London liegen. Gleichzeitig gibt es aber auch Viertel, die dem vorherrschenden Stadtbild im Nahen Osten nahekommen, mit schmucklosen, sandgelben, etwas heruntergekommenen Hochhäusern, von deren Balkons bunte Wäsche flattert. Und dann gibt es La Boca, das Hafenviertel, in dem sich im 19. Jahrhundert die italienischen Immigranten ansiedelten und ihre Häuser mit buntem Schiffslack bemalten, was das Viertel heute zu einer Touristenattraktion macht. Es ist schwer, ein einheitliches Bild von der Stadt zu zeichnen, weil sie so riesig ist und so divers. Insgesamt finde ich, Buenos Aires ist keine schöne Stadt. Es gibt, abgesehen von La Boca und der imposanten Avenida de 9 Julio, der angeblich breitesten Straße der Welt, kaum Orte, an denen man spontan anhalten und die Kamera zücken möchte (weshalb es diesem Eintrag leider auch an Fotos mangelt). Es gibt einige schöne Parks und Monumente, aber der Stadt fehlt ein Gesicht oder ein markanter Bezugspunkt, wie der Eifelturm oder die Freiheitsstatue.

Das Straßennetz ist recht übersichtlich, trotzdem ist es eine Herausforderung, sich in Buenos Aires zurechtzufinden: einerseits wegen der schieren Größe der Stadt, andererseits, weil nicht an jeder Kreuzung Straßenschilder stehen. Viele Straßen hier sind übrigens nach Staaten benannt. Ich selbst wohne in unmittelbarer Nähe sowohl der „Avenida del Estado Israel“ als auch der „Avenida Palestina“ – da hat das Schicksal mir mal wieder frech zugezwinkert.

Was ich vorher nicht gewusst hatte: Buenos Aires ist eine sehr jüdische Stadt. Nach New York beherbergt sie die zweigrößte jüdische Gemeinde der Welt außerhalb Israels, und tatsächlich habe ich mit Ausnahme von Jerusalem noch in keiner Stadt so viele traditionell gekleidete Juden – das heißt, Kippa für die Männer, lange Röcke und Ärmel für die Frauen – gesehen, auch nicht in Tel Aviv (erst recht nicht in Tel Aviv!). Ein paar Blöcke von meiner Wohnung entfernt stehen eine Synagoge und mehrere jüdische Läden, und in einem nahe gelegenen Einkaufszentrum, dem Abasto Shopping, gibt es einen koscheren McDonald’s! (In den Jahren 1992 und 1994 wurde die jüdische Gemeinde hier von zwei Anschlägen getroffen: 1992 ein Selbstmordattentat auf die israelische Botschaft, 1994 ein Anschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum, dem größten Anschlag der argentinischen Geschichte, bei dem 85 Menschen starben. Die Terrororganisation Hisbollah und damit das iranische Regime, das Hisbollah trainiert und finanziert, wurden von der argentinischen Justiz als schuldig befunden. Der derzeitige iranische Verteidigungsminister, Ahmad Vahidi, wird für seine Beteiligung an der Planung des Anschlags von Interpol gesucht. Im letzten Jahr musste er eine diplomatische Reise nach Bolivien abbrechen, weil Argentinien seine Auslieferung forderte.)

Buenos Aires ist lauter, chaotischer und dreckiger als Santiago und alle europäischen Großstädte, die ich kenne. An vielen Straßenecken stapelt sich der Müll. Als kürzlich einmal ein heftiger Wind durch die Straßen fegte, sahen ganze Viertel aus wie eine einzige große Müllhalde. Öffentliche Verkehrsmittel sind chronisch überfüllt, die Busse unzuverlässig: Es ist unmöglich, zeitlich zu planen, wenn man vorhat, den Bus zu nehmen, weil man nicht weiß, ob man fünf Minuten warten wird – oder eine halbe Stunde. Und selbst wenn er kommt, kann es sein, dass man nicht einsteigen kann, weil sich die Menschen drinnen bereits bis zu den Türen quetschen. Als ich neulich einen Kommentar dazu an einen Taxifahrer richtete, erwiderte der: „Aber im Moment ist überhaupt niemand hier! Die Stadt ist leer! Januar ist die ruhigste Jahreszeit, weil alle im Urlaub sind! Warte bis Februar - dann wird es voll!“

Buenos Aires hat also seine Unbequemlichkeiten. Trotzdem, und vielleicht auch ein bisschen deshalb, ist es eine faszinierende Stadt. Anders als der kleine Kolumbianer in Puerto Madryn behauptet hat, kann ich wenig Ähnlichkeiten zwischen ihr und Tel Aviv feststellen, eines aber haben die beiden gemeinsam: Beide Städte schlafen nicht. Buenos Aires ist voller Leben, tags wie nachts, an jedem Tag der Woche. Bars, Cafés, Restaurants haben geöffnet bis in den frühen Morgen. Und überall wird getanzt: Neben etlichen Clubs, in denen die universale amerikanische Partymusik gespielt wird, gibt es Elektroschuppen, Salsotheken, Rock’n Roll-Tanzkurse und Reggaenächte.

Vor allem aber gibt es natürlich den Tango. In der Geburtsstadt des Tangos dachte ich, ich sollte zumindest mal einen Kurs belegen. Dabei habe ich mich verliebt. Nicht direkt während des Kurses, um ehrlich zu sein, denn die erste Tangostunde ist wie jede erste Stunde in jeder beliebigen Tanz- oder sonstigen Sportart: anstrengend, frustrierend und ein bisschen demütigend. Aber nach meinem Kurs haben die Paare getanzt, die es können. Ich habe sicher ein, zwei Stunden nur dagesessen und zugeschaut, und danach habe ich beschlossen: Ich lerne Tangotanzen (und mein zukünftiger Ehemann fängt am besten jetzt auch schon an, sonst wird das nichts mit uns). Seitdem gehe ich jeden Tag zu Tangokursen. Das ist in Buenos Aires kein Problem, es gibt etliche Orte, die jeden Tag Kurse anbieten, die nur ein paar Euro kosten, und weder muss man sich irgendwo anmelden, noch braucht man einen Partner: Man taucht einfach auf und lässt sich auffordern, denn, ein weiterer Vorteil an Buenos Aires, dies ist der einzige Ort, den ich kenne, an dem es in Tanzkursen einen Männerüberschuss gibt! ...

(Fortsetzung folgt in Kürze)

Sonntag, 8. Januar 2012

- Pausenunterhaltung -

Ich entschuldige mich für die lange Pause! Der nächste Bericht ist in Arbeit, aber Buenos Aires ist wirklich sehr, sagen wir, einnehmend! Ich habe meinen Aufenthalt schon zweimal verlängert, so dass mein temporärer Mitbewohner inzwischen Witze darüber macht, dass ich am Ende erst ein paar Stunden vor meinem Abflug nach Santiago zurückkehren werde... aber dazu mehr in Kürze!

Für die Zwischenzeit empfehle ich diesen Spiegel-Artikel über Buenos Aires, auf den mich ein freundlicher Leser aufmerksam gemacht hat! Man erfährt nicht viel - gut für mich, so bleibt mir selber mehr zum Quatschen :) -, aber er zeichnet ein nettes Bild von der Atmosphäre. Und das Zitat "Wir haben von allen nur das Beste in uns" habe ich, im spanischen Wortlaut, selbst schon von einem Argentinier gehört - ich bürge also für Authentizität!

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Puerto Madryn (18.12.-21.12.)

Puerto Madryn liegt an der Ostküste Argentiniens, leicht südlich von Bariloche. Dorthin zu fahren, war eine spontane Entscheidung; erst in Bariloche hatte ich beschlossen, den letzten Stopp vor Buenos Aires in Puerto Madryn zu machen, nachdem Pablo, der Hostelbesitzer, mir Fotos von den Tieren dort gezeigt hatte. Die sind in Puerto Madryn die Hauptattraktion: Es gibt See-Elefanten, Delfine, Pinguine und, bis Mitte Dezember, sogar Orcawale. Letztere würde ich also leider knapp verpassen. Aber ich bin ja ein sehr indifferenter Tierfreund, auch dicke, unbewegliche See-Elefanten finde ich toll. Also buche ich für drei Tage ein Hostel in Puerto Madryn.

Das Touristenklientel, das Puerto Madryn anzieht, ist ein völlig anderes als das in Bariloche und Pucón. Ganz eindeutig liegt Puerto Madryn nicht auf dem „Weg des Humus“ – von Israelis diesmal keine Spur. Mein Hostel ist komplett europäisch besetzt, mit einer deutlichen holländisch-französischen Mehrheit. Außerdem sind hier fast ausschließlich Pärchen unterwegs. Auf den beiden Bustouren, die ich mache, bin ich die einzige Alleinreisende neben drei oder vier Paaren. Ich verbünde mich also beide Male mit den Reiseführern, was ohnehin eine gute Idee ist, denn die sind meistens locker aufgelegt, man erfährt einiges über den Ort und das Leben dort und übt nebenbei sein Spanisch. Die Reiseführer wiederum sind dankbar dafür, dass sie während der Fahrt ein bisschen plaudern können, und sie mögen mich in der Regel. (Für mich sind menschliche Berufsgruppen in dieser Hinsicht ein bisschen wie tierische Spezies: Ich habe natürliche Freunde und natürliche Feinde. Reiseführer sind an allen Orten meine natürlichen Freunde. Zu meinen natürlichen Feinden gehören Kellnerinnen.)

Die erste Tour, die ich mitmache, führt zu der Küste, an der die See-Elefanten siedeln. Um dorthin zu kommen, fahren wir knapp zwei Stunden in einem wackligen Kleinbus durch eine eintönige, steppenähnliche Landschaft, in der manchmal von weitem Guanacos zu sehen sind, die argentinische Version eines Lamas. Am Zielort angekommen, müssen wir ein ziemlich steiles Kliff heruntersteigen, um an den Strand zu gelangen. Ich bin die einzige ohne feste Schuhe, und zwar trage ich ausgerechnet billige Plastikflipflops, weil die im warmen Auto soviel bequemer sind. Ich hatte geahnt, dass dies nicht die richtige Ausrüstung für diese Tour sein würde, also habe ich vorsorglich gar nicht erst gefragt – meine persönliche Logik. Ich klettere also schließlich barfuß den Felsen herunter, was überraschend gut funktioniert, und fühle mich sehr abenteurlich.

Am Strand verstreut liegen die See-Elefanten, manche allein, manche in kleinen Gruppen, und tun – nichts. Wir verbringen sicher über eine Stunde dort und sehen in dieser Zeit kaum eines der Tiere in Bewegung. Ab und zu kratzen sie sich mit der Flosse am Kinn oder schaufeln sich Matsch auf den Rücken zur Abkühlung, aber die meiste Zeit liegen sie völlig unbeweglich da, riesige, fette, schnaufende Fleischmassen. Ich bin begeistert. Der Führer, Fernando, spricht bemüht leise und macht uns immer wieder Zeichen, dass wir uns ducken sollen, wenn wir nahe an die Tiere herankommen, um sie nicht zu erschrecken – aber ich habe den Eindruck, nichts liege denen ferner. Einmal robben wir bis auf zwei, drei Meter an eine kleine Gruppe von Elefanten heran, und die gewähren uns nicht einmal die Ehre, unseretwegen den Kopf zu heben.

Fernando sagt uns, dass eine Herde normalerweise aus einem Männchen und etwa zwanzig Weibchen besteht, und dass bei den See-Elefanten die Partnerwahl, anders als bei den meisten Tierarten, vom Mann bestimmt wird: Um ein Weibchen aus einer fremden Herde zu erobern, packt das Männchen es am Nacken und schleift es mit sich fort. So einfach ist das – kein Beschnuppern, kein aufwendiges Balzen, kein Trallala. Fernando meint, in seinem nächsten Leben werde er auf jeden Fall ein See-Elefant sein: „Den ganzen Tag am Strand liegen, zwanzig Frauen, und wenn mir ein Mädchen gefällt, nehme ich es mir einfach – was für ein Leben! Fehlt nur das Bier!“

Auch mich haben die Elefanten inspiriert. Den zweiten Tag in Puerto Madryn verbringe ich am Strand, mit einer Zeitung, reichlich Essen und größtenteils bewegungslos. Einmal immerhin gehe ich schwimmen, nachdem ich ein nettes argentinisches Ehepaar gefunden habe, das auf meine Sachen aufpasst. Das Wasser ist kalt und algig, aber angenehm nach der brennenden Sonne, und sowieso gibt es wenig, was mich vom Schwimmen abhalten kann, wenn ich in der Nähe eines Meeres bin!

Am dritten Tag gehe ich auf eine Tour zur Pinguinkolonie im Naturschutzreservat Punta Tombo. Sie beginnt um acht Uhr morgens, und wieder sind wir zwei Stunden in einem Kleinbus unterwegs (diesmal immerhin weniger klapprig), aber leider gibt es keinen anderen Weg, an diese Orte zu gelangen, und um Tiere zu sehen, bin ich nun mal hier. Und es lohnt sich: Die Pinguine sind wirklich sehr charmant. Sie sind ziemlich klein, keinen halben Meter groß - Magellan-Pinguine heißt diese Art -, aber vollkommen furchtlos, watscheln unbekümmert zwischen uns herum, und der Guide muss uns immer wieder ermahnen, einen Meter Abstand einzuhalten, denn es kommt vor, dass die Pinguine mit dem Schnabel in Füße oder andere erreichbare Körperteile hacken, und das kann ziemlich schmerzhaft sein. Der Guide erzählt uns, dass ein Mann mit sieben Stichen an der Wange genäht werden musste, nachdem er versucht hatte, einen Pinguin für ein Foto aus der Hocke heraus zu umarmen. Gegen diese ungewollte Nähe wusste der Kleine sich effektiv zu wehren.

Ich bin überrascht, dass die Pinguine sich wirklich so gar nicht von uns Riesen einschüchtern lassen. Immerhin, lasse ich mir vom Guide erklären, haben sie natürliche Feinde: Füchse, Adler, auch Pumas wurden schon in dem Reservat gesichtet. Aber die Pinguine scheinen mit einer ziemlich fatalistischen Einstellung durchs Leben zu watscheln – wenn’s passiert, passiert es halt, aber bis dahin lassen wir uns das Leben nicht durch Angst vermiesen.

Auf dem Rückweg machen wir noch an einem Dorf halt, das walisische Immigranten im 19. Jahrhundert gegründet haben. Das Spannendste an dem Ort sind für mich die Kirschbaumfelder, in denen wir uns frei bedienen können. (Ich bin so beschäftigt damit, dass ich den Anschluss an die Gruppe verliere.) Den Rest der Fahrt nötige ich den Tourguide dazu, mir argentinische Slang- und Schimpfwörter beizubringen – mein breites Repertoire an chilenischen Flüchen, das ich so stolz zu jeder Gelegenheit eingesetzt hatte, ist in Argentinien nämlich völlig nutzlos, wie ich enttäuscht feststellen musste. „Pico“ etwa, in Chile ein derbes Wort für „Schwanz“ - das man als Mädchen am besten gar nicht benutzt, wie mir immer wieder empört mitgeteilt wurde -, bedeutet in Argentinien nichts anderes als „Schnabel“. Für die höflichen, schüchternen, leicht prüden Chilenen wäre der Trip zur Pinguinkolonie wahrscheinlich schwer auszuhalten – mit all den Erläuterungen des Guides darüber, wie unerwartet kraftvoll der „pico“ der Pinguine ist!

Abgesehen von den beiden Touren verbringe ich die meiste Zeit in Puerto Madryn ziemlich unsozial. Die anderen Leute im Hostel interessieren mich nicht weiter, und ich mag es, mal wieder zu lesen und mich um meine Spanischvokabeln zu kümmern. Erst am letzten Abend wird es etwas lebhafter im Hostel, mehrere alleinreisende Jungs treffen ein und stören das bis dahin vorherrschende Pärchenmuster, und wir gehen alle zusammen etwas trinken. Es ist eine lustige Gruppe: Ein Kolumbianer, ein Argentinier, ein Italiener, ein Holländer, und irgendwo auf dem Weg schließen sich noch zwei deutsche Mädchen an. Wir gehen ins „Margarita“, angeblich Puerto Madryns coolste Bar, die nichtsdestotrotz gegen Mitternacht schon ziemlich leer wird. Egal – zum Ausgehen werde ich in Buenos Aires Gelegenheit genug haben. Der Kolumbianer, der mal ein halbes Jahr in einem Kibbuz in Israel gearbeitet hat, versichert mir, Buenos Aires sei ein bisschen wie Tel Aviv, beide Städte schliefen niemals.

Tel Aviv! Das ist MEINE Stadt, mehr als jede andere... wenn Buenos Aires ihr auch nur ein bisschen ähnlich ist, werde ich es mögen. Gute Vorzeichen also für meine Abreise am nächsten Tag. Jetzt trennen mich nur noch 20 Stunden Busfahrt von der Hauptstadt.


Der Strand der See-Elefanten



Nicht die beste Umgebung für Flipflops ohne Profil!



Hier hängt man also so ab





Dieser hier war so großzügig, unseretwegen den Kopf zu heben - wahrscheinlich seine größte körperliche Anstrengung für den Rest des Tages




Was für sympathische Tiere! Mir gefällt der Lifestyle



Kulissenwechsel: Zu Besuch in der Pinguinkolonie





Die Brücken sind beliebte Sammelplätze wegen des Schattens, den sie spenden



Schüchtern sind die Jungs nicht gerade - wahre Argentinier eben...



Auch Guanacos sind hier unterwegs



Die Kleinen lassen sich genauso wenig von unserer Anwesenheit irritieren wie die Eltern




Jeder geht - bzw. watschelt - entspannt hier seinen Weg


video


Unser multinationales Diner am letzten Abend


Donnerstag, 22. Dezember 2011

Bariloche (13.-18.12.)

Von Pucón nach Bariloche, einer kleinen Stadt auf der argentinischen Seite Patagoniens, bin ich zwölf Stunden unterwegs. Die Fahrt selbst könnte man auch in sieben, acht Stunden schaffen, aber die Grenzüberquerung zieht sich hin – man muss zweimal aussteigen, einmal im chilenischen, einmal am argentinischen Grenzübergang, sich beide Male in eine Schlange stellen, Formulare ausfüllen und seinen Pass abstempeln lassen –, und dann habe ich drei Stunden Wartezeit in San Martin, einer Stadt auf der argentinischen Seite. Gegen zehn Uhr abends komme ich in meinem Hostel in Bariloche an. Vor dem Hostel sitzt ein junger Typ, rauchend, und schaut mir seelenruhig dabei zu, wie ich meinen Koffer die Stufen zum Eingang hochwuchte. „Ein Gentleman, he?“ frage ich genervt. Ich bin immer noch verwöhnt von den Chilenen. Es stellt sich heraus, dass der Typ Deutscher ist. Ich bin beschämt, aber nicht überrascht; ich kenne ja meine Landsleute. (Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, die sind aber genau das: Ausnahmen.)

Das Hostel ist liebevoll und kreativ eingerichtet. Trotzdem bin ich erst mal nicht begeistert. Der Aufenthaltsraum ist voll von deutschen Mädchen, die in Zweiergruppen zusammenhocken und einen überwiegend gestressten Eindruck machen. Ich will hier nicht zu sehr auf den Deutschen rumhacken, aber wirklich, reisende Deutsche kann ich in der Mehrheit nicht leiden. In Südamerika sind sehr viele unterwegs – ich würde tippen, zahlenmäßig kommen sie an zweiter Stelle, hinter den Israelis –, aber bisher mochte ich keinen einzigen von denen, die ich getroffen habe. Nahezu alle deutschen Reisenden hier bestätigen die negativen Vorurteile, die man uns anhängt: Sie sind nicht sehr aufgeschlossen, lachen wenig, bleiben meistens unter sich und machen einen grundsätzlich unentspannten Eindruck. Und ja, ich sage bewusst „sie“ – was immer man mir anhängen kann, diese Dinge nicht! Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich gerade mit den deutschen Mädchen hier auf keinen Nenner komme: Ich bin laut, unverschämt und gruppe immer mit den Jungs zusammen, meistens mit den Israelis, die so laut und unverschämt sind wie ich. Das ist wunderbar, mit denen kann ich mich bedingungslos gehen lassen, und sie lieben mich auch noch dafür! In meinem neuen Hostel aber sind alle blond und still und sagen mir nicht mal „hola“, und für ein paar Momente vermisse ich mein lustiges Hostel in Pucón.

Der junge Hostelangestellte spricht ein sehr nuschliges Spanisch, und ich, müde von der langen Fahrt, höre nur mit halbem Ohr zu. Deshalb brauche ich ein paar Minuten, um zu bemerken, dass er nicht Muttersprachler ist. Ich höre genauer hin – und unterbreche: „Woher kommst du?“ Die Antwort – „Israel!“ – kannte ich da eigentlich schon. Ich krame meine üblichen hebräischen Smalltalksprüche hervor, was die übliche Überraschung auslöst, das Eis ist gebrochen, und wir lachen zusammen über die typischen israelischen Backpacker (der Hostelangestellte, Amit, benutzt die Webseite, gringo.co.il, die israelischen Reisenden Reisetipps in Lateinamerika gibt, um zu sehen, in welche Orte und in welche Hostels er NICHT gehen darf). Keine fünf Minuten später stapft ein kleiner, dunkler, haariger Mann ins Hostel, dem man seine Nationalität auf 100 Meter Entfernung ansieht, und fragt ohne wesentliche Begrüßung auf Hebräisch: „Ist Shai Kellner hier?“ „Du kennst Shai Kellner?!“ rufe ich. Shai, mein Reisekumpel aus Pucón! Ich hatte ihm gesagt, welches Hostel ich reserviert hatte, aber nicht gewusst, dass er sich ebenfalls hier einquartieren würde. Es stellt sich heraus, dass Shai das Bett unter mir hat und der kleine Israeli, Avi, ein guter Studienfreund von ihm ist. Da habe ich sie wieder, meine israelische Clique!

Shai ist an diesem Abend unterwegs, deshalb gehe ich mit Amit, dem Hostelangestellten, und Pablo, dem Hostelbesitzer, aus. Pablo bestätigt in den ersten fünf Minuten alle Vorurteile, die in Chile über die Argentinier kursieren. Als ich ihm sage, wie viel ich über die angebliche Arroganz der Argentinier gehört habe, streckt er die Brust vor und sagt: „Klar behaupten die Chilenen so was. Sie sind neidisch, weil wir die besten SIND!“ Die Steigerung von „gut“, fährt er fort, funktioniere in Wirklichkeit folgendermaßen: „gut – besser – perfekt – Argentinier!“ Beide, er und Amit, haben einen schamlosen Sinn vor Humor, und ich lache mich an diesem Abend mit ihnen halbtot, auch wenn ich ab und zu versuche, einen Hauch von Anstand vorzutäuschen, in dem ich mir die Ohren zuhalte und „Aufhören! Es reicht jetzt wirklich!“ rufe. Die beiden sind ein gutes Team, und ich verbringe in den nächsten Tagen viel Zeit mit ihnen. In anderen Worten, ich hänge tagsüber viel im Hostel herum. In Bariloche gibt es, ähnlich wie in Pucon, alle möglichen Sportangebote und Wanderwege, aber weil ich mich im Hostel so wohl fühle (und natürlich ein bisschen faul bin), lasse ich das meiste davon aus.

Zu meiner Beruhigung ist ausgerechnet Shai diesmal noch weniger aktiv als ich. Er hat sich für einen einwöchigen Spanischkurs angemeldet, der von neun bis ein Uhr mittags dauert. Danach geht er auf direktem Wege zurück ins Bett für eine ausgedehnte Siesta und verlässt das Hostel erst wieder abends um halb acht, wenn die Happy Hour anfängt: zwei Biere zum Preis von einem, bis Mitternacht. Ich bin begeistert, vor allem, weil ich mich plötzlich aktiv und abenteuerlustig fühlen kann. Shai aber ist geschockt von sich selbst und behauptet, ich sei Schuld an seinem radikalen Wandel: „Bevor ich dich getroffen habe, bin ich auf jeden Berg gestiegen, durch den Dschungel gewandert – und jetzt das hier!“ Es ist nicht das erste Mal, dass mir ein schlechter Einfluss angehängt wird: Eine Schulfreundin von mir hat jahrelang behauptet, sie sei ihr Leben lang pünktlich gewesen, bis sie mich kennengelernt habe; seitdem komme sie chronisch zu spät. Ich finde diese Anschuldigungen nicht nur unverschämt – schließlich tue ich nichts, um anderen meine schlechten Angewohnheiten aufzuzwingen –, in Shais Fall aber außerdem auch unnötig: Offensichtlich hat er ja Spaß, an dem, was er tut (bzw. nicht tut), und sollte ich ihn tatsächlich dazu inspiriert haben, sollte er mir eher dankbar sein!

In jedem Fall wird mein Aufenthalt in Bariloche auf diese Weise sehr entspannt und angenehm: Tagsüber, während Shai seine Siesta hält, mache ich kleine Ausflüge in die nähere Umgebung, lerne Spanischvokabeln oder quatsche mit Pablo und Amit; abends gehe ich mit Shai und anderen Leuten aus dem Hostel Biertrinken. Nach ein paar Tagen gesellt sich Hanna dazu, eine israelische Freundin von Shai, die in New York wohnt, und zusammen mit Avi bilden wir ein recht harmonisches Quartett. In dem kleinen Buch, in das ich meine Spanischvokabeln eintrage, habe ich längst eine Hebräisch-Sparte eingerichtet, und in diesen Tagen wächst sie weit schneller als der spanische Teil. Unter anderem lerne ich so hilfreiche Wörter wie „Prinzessinnenhintern“ (Shais Vorwurf an mich) und „schnarchen“ (mein Vorwurf an ihn). Manchmal frage ich mich, warum ich jemals aus Tel Aviv abgereist bin!

Die anderen drei laden mich ein, mit ihnen weiter in den Süden zu fahren, bis Torres del Paine, Chiles berühmtesten Nationalpark. Der Gedanke ist reizvoll, aber ich sage ab; die Fahrt allein bis zur nächsten Station, El Calafate in Argentinien, dauert 22 Stunden, ich möchte für Weihnachten und Silvester aber gern in Buenos Aires sein. Nach all dem, was ich gehört habe, glaube ich, ich werde die Stadt lieben; außerdem hätte ich gern bald mal eine Pause vom Busfahren, von Hostels und Touristenorten. In Buenos Aires möchte ich es so machen wie in Santiago: für ein, zwei Wochen ein Zimmer untermieten, mich mit den Einheimischen mischen und an meinem Spanisch arbeiten. Am Samstag verabschiede ich mich also von meiner israelischen Clique und von Pablo, seiner Frau und seiner absolut unwiderstehlichen sieben Monate alten Tochter Emma und mache mich auf den Weg nach Puerto Madryn, mein letzter Stopp vor Buenos Aires.


Der Strand von Bariloche



Da hab' ich mal alle Kraft zusammengenommen und bin in einem Naturreservat wandern gegangen





Auch in Argentinien ist der deutsche Einfluss offensichtlich





Pablo und Emma



Meine neue Freundin! Ich war ganz verliebt



Und zwei der Israelis; hier lachen sie mich aus wegen meines überfüllten, ungeordneten Koffers, allgemein ein beliebtes Spottobjekt